Die vergessene Heimat

LostPlaces

Es ist ein trüber, kühler und nebeliger Tag im März. Der kühle Wind bläst mir um die Nase und weit und breit ist kein Mensch und Auto zu sehen. Nicht einmal einen Vogel hört man zwitschern. Ich stehe mitten auf einer Straße in einem Geisterdorf. Nein nicht irgendwo im Wilden Westen, sondern in NRW. Dort wo der Braunkohletageabbau seine Opfer fordert. Die große Umsiedlung vom Dorf Immerath hat bereits stattgefunden. Nur noch ca. ein Dutzend Menschen harren hier aus. Aber spätestens 2017 ist dann endgültig Schluss und das Dorf ist dem Erdboden gleichgemacht. Dann werden die riesigen Schaufelradbagger sich durch die Erde fressen und die Kohle fördern. Es herrscht eine Art Endzeitstimmung, wenn man durch die Straßen des einst beschaulichen Dörfchens fährt.

Die Gebäude die noch nicht dem Abrissbagger zum Opfer gefallen sind weisen bereits Spuren des natürlichen Verfalls auf. Die Natur erobert sich ihren Platz zurück. Wenn man an den verlassenen Spielplatz oder an der bereits entweihten Kirche, dem Immerather Dom, vorbeifährt kommt es einen ein bisschen vor wie in einem Endzeitfilm wo jeden Moment die Zombies die Straße entlanglaufen. Die meisten Häuser sind mit Brettern verbarrikadiert, weil immer wieder Vandalen und Plünderer das Dorf aufgesucht haben. Aus diesem Grund patrouilliert auch der Werkschutz hier regelmäßig, besonders abends. Für die Anwohner die noch hier wohnen, stelle ich mir das Leben sehr schwierig vor. Es gibt hier weder einen Bäcker, Metzger oder eine Bank. Alles ist bereits verlassen und wartet auf das Abrisskommando. Zwar hat sich der RWE Konzern sich das einiges kosten lassen, weil das Dorf Neu-Immerath ein Dorf aus der Retorte ist um die Bewohner umzusiedeln. Ich stelle es mir dennoch schwer vor, wenn man hier vielleicht mit seiner Familie einen Traum vom Eigenheim ermöglichen wollte und viel Herzblut in ein Haus mit Garten gesteckt hat, dann kann die Entschädigung gar nicht groß genug sein. Vor allem für die Landwirtschaft die sich hier angesiedelt hat und bis zum Schluss ausharrt. Der Boden hat nämlich nicht nur Bodenschätze wie Braunkohle, sondern der Boden ist auch extrem fruchtbar und das ist für die Landwirtschaft nun mal wichtig. Aber wie so oft siegt die Politik und derjenige der das größte Portemonnaie hat. Spätestens 2045 wir ein riesiges Loch zurückbleiben von ca. 185m Tiefe und eine Fläche von 23 Quadratkilometern betragen. Dieses Loch soll dann die nächsten 40 Jahre mit Wasser aus dem Rhein befüllt werden und wird dann dem Steinhuder Meer in Niedersachsen Konkurrenz machen.

Skywalk Garzweiler

Wenn ihr euch ein Bild vom dem riesigen Krater machen wollt, dann folgt direkt nach der Autobahnabfahrt Jackerath dem Schild Aussichtsplattform. Nach wenigen Metern gelangt ihr zu einem Parkplatz von wo aus ihr das riesige Tagebaugebiet bestaunen könnt. Von einem Skywalk habt ihr einen guten Ausblick über das Areal. Der Skywalk ragt gut 14 Meter in den Tagebau rein.  Der Anblick der Landschaft erinnert mich an die guten alten Mad Max Filme. Es hat schon etwas Surreales und gleichzeitig Faszinierendes. Die drei riesigen Braunkohlebagger sind ca. 200m lang und ca. 70m hoch und wirken in dieser Grube regelgerecht Maßstabsgetreu, wobei die Arbeiter und Baustellenfahrzeuge wie Spielzeugfiguren aussehen.

Mehr zum Thema Braunkohletagebau findet Ihr auf dem Blog von Thomas und Melanie bei reisen-fotografie 

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5 Gedanken zu “Die vergessene Heimat

  1. Das mit den Dörfern ist echt krass. Hier in Brandenburg gibt es sowas auch. Ich glaube da gibt es sogar eines, bei dem alle umgesiedelt wurden und es jetzt doch nicht abgebaggert wird. Muss ich nochmal genau gucken.

    Tagebaue an sich sind wirklich krasse Dinge zwischen Wahnsinn und Faszination!
    Ich verstehe es allerdings nicht, dass nach wie vor so viel Geld in diese rückwärtsgerichtete Technik investiert wird.
    Klar kann man von heute auf morgen nicht alles umstellen, aber wenn man wollte, dann müsste man da nicht noch bis 2045 baggern …

  2. Ist schon total irre, dass auch heutzutage in Deutschland noch Menschen umgesiedelt werden und Städte oder Dörfer dem Kohlebagger weichen müssen… Dieser Raubbau an der Erde kann nicht langfristig gut gehen…

  3. schon ein Wahnsinn was da passiert, traurig und auch faszinierend. Ich in meiner „heilen Bayernwelt“ kenne so etwas ja gar nicht. Ist das in der Nähe von Dir?

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